Feuerwerk der Nichtigkeiten
كتبهاعلاء الأسوانى ، في 29 يونيو 2009 الساعة: 11:05 ص
zenith 02/08 - Literatur
Feuerwerk der Nichtigkeiten
von Kamila Klepacki
Der „Jakubijân-Bau“ hat Alaa al-Aswani weltberühmt gemacht – noch nie hat sich ein arabischer Roman so gut verkauft. In seinem Nachfolgewerk „Chicago“ versucht der ägyptische Schriftsteller, sein Erfolgsrezept zu kopieren
„Das Nichtrauchen wäre für Herrn Aswani ein echtes Problem.“ Beim Gang durch die Lobby des schmucken Kölner Fünf-Sterne-Hotels kommt dieser Satz aus der Korrespondenz von Alaa al-Aswanis Schweizer Verlag wieder in den Sinn. Natürlich, ein ägyptischer Autor, dem der Ruf vorauseilt, konsequent „die drei großen Tabus“ in der arabischen Welt – Sex, Religion und Politik – zu brechen, der kann sich das Rauchen nicht verbieten lassen.
Sein 2002 erstmals auf Arabisch erschienener Roman „Der Jakubijân-Bau“ machte aus dem Kairoer Zahnarzt und Freizeitschreiber einen weltweit gefeierten Bestsellerautor. Er reiht darin Geschichten aneinander über die Armen und die Reichen, die Mächtigen und die Schwachen, allesamt Bewohner eines altehrwürdigen Hauses in der Innenstadt von Kairo. Inzwischen liegt der „Jakubijân-Bau“ in zwei Dutzend Sprachen vor, erklomm in Frankreich die Bestsellerlisten, die New York Times und das Time Magazine widmeten ihm ausführliche Rezensionen. Nicht zu vergessen der Chor hochtrabender Vergleiche, al-Aswani sei der neue Balzac, Orwell, Süßkind oder aber „würdiger Nachfolger“ für den Nobelpreisträger Nagib Mahfuz.
(Foto: Lenos Verlag)
In einer Ecke des Raucherbereichs sitzt er, Doktor Alaa al-Aswani persönlich, oder besser gesagt: Er residiert – breitschultrig und wohlstandsbeleibt. Mit einem herzlichen Lächeln streckt er die große, warme Hand zur Begrüßung aus.Ob es denn störe, wenn er während des Gesprächs rauche, fragt er in einem tragenden Bärenbass. Beeindruckender noch als die internationale Aufmerksamkeit ist sein Erfolg in Ägypten und in der restlichen arabischen Welt. Noch nie hat sich ein arabischer Roman so schnell und in solchen Massen verkauft wie der „Jakubijân-Bau“. Weit über 100 000 Exemplare sollen es inzwischen sein. Wenn man bedenkt, dass auf dem arabischen Buchmarkt schon als Bestseller gilt, was sich an die 5000 Mal verkauft, ist al-Aswanis Erfolg geradezu revolutionär.
„Ich will schreiben, wonach mir ist“
Wie sehr ihn dieser Erfolg verändert hat, mag der Schriftsteller selbst nicht einschätzen, „aber alle meine Freunde – Menschen, die mich schon seit 20 Jahren kennen – sagen mir immer, ich sei noch derselbe wie früher.“ Dann erzählt er, dass sein zweiter Roman „Chicago“ sich mindestens doppelt so gut verkaufte wie der „Jakubijân-Bau“. In einem einzigen Jahr erlebte er elf Auflagen; das sind insgesamt 110 000 Exemplare allein auf Arabisch und wahrscheinlich noch mehr Leser. „Das macht mich natürlich sehr stolz. Denn jetzt gehört der Erfolg nicht dem Roman, jetzt gehört er dem Autor.“
Alaa al-Aswani, 1957 in Kairo geboren, kam durch seinen Vater zur Schriftstellerei. Der besaß eine Anwaltskanzlei in eben jenem realen Jakubijân-Bau, den sein Sohn später zum Schauplatz seines Romans wählte, schrieb außerhalb der Bürozeiten Romane und Kurzgeschichten und brachte es dabei angeblich zu einem respektablen Leserkreis. Vielleicht ist es der Kindheit im Umfeld der Literatur zu verdanken, dass der junge al-Aswani sich von der Aufregung um seine Person und von den Erwartungen, die daran geknüpft sind, nicht aus der Ruhe bringen lässt.Nach dem ersten Hype ließ er ein volles Jahr verstreichen und schlug ein lukratives Angebot eines libanesischen Verlages aus, ihm den „Jakubijân-Bau Teil 2“ abzukaufen, bis er die Arbeit an seinem zweiten Roman begann. „Ich will das schreiben, wonach mir ist.Und nicht das, was die Leute von mir erwarten“, erklärt der Autor gelassen.
Trotzdem weicht er in „Chicago“, der im Frühjahr auch auf Deutsch erschienen ist, kaum von seinem bewährten Strickmuster ab, sondern verlegt das Prinzip seines ersten Romans einfach nach Amerika, an die Universität von Illinois, an der er selbst in den 1980er Jahren studierte. Episodenhaft erzählt er aus dem Leben einer beinahe unüberschaubaren Anzahl von Charakteren, Amerikanern und ägyptischen Migranten, deren Schicksale fast beiläufig an einem Ort zusammenlaufen: dem Institut für Histologie, einer grundlegenden, aber wenig prestigeträchtigen Disziplin der Medizin. Die ägyptischen Protagonisten lassen sich vor allem danach sortieren, wie ihnen der Balanceakt zwischen den Kulturen gelingt. Zum Beispiel Professor Raafat Thâbit. Er hat das Ägyptischsein vor langer Zeit aufgegeben, denn für ihn sind alle Ägypter dumm, faul und obrigkeitsverliebt.
Ahmad Danâna ist so ein Typ Ägypter. Seine Doktorandenstelle erhielt er wegen guter Beziehungen zum ägyptischen Geheimdienst, und nun hält er sich mit Schleimerei und Spitzeldiensten auf seiner Position. Die fleißige und sittsame Schaimâ überdenkt derweil ihre spröde Sexualmoral, als sie fern von den Zwängen ihrer eigenen Gesellschaft den Streber Târik kennenlernt. Nâgi Abdalsamad, Medizinstudent und zur Poesie berufen, benimmt sich oft einfach daneben. Er bestellt sich ein Callgirl auf sein Wohnheimzimmer, betrinkt sich, fängt Streit an und platzt mit seinen politischen Ansichten heraus. Warum? Nâgi sei nun einmal ein Dichter, erklärt Alaa al-Aswani. „Und ich habe im Leben noch keinen Dichter getroffen, der sich verhält wie alle anderen.“ Er selbst sei auch nicht immer einverstanden mit Nâgis Benehmen. Aber was sollte er schon tun? Als Schriftsteller schafft er einen Charakter und entlässt ihn dann in die Freiheit, damit der seine eigenen Fehler machen kann.
Zumindest politisch teilen Nâgi und sein Schöpfer recht viele Ansichten. Beide gehören dem linken Lager an, sind leidenschaftliche Patrioten, verlangen nach einer echten Demokratie für Ägypten und tragen eine gehörige Skepsis gegenüber Israel mit sich herum. Neben der Literatur und seiner Arbeit als Zahnarzt, mischt sich al-Aswani auch manchmal selbst in die Tagespolitik ein, schreibt Kommentare für einige Tageszeitungen und ist außerdem Gründungsmitglied der Oppositionsbewegung Kifaya („Genug!“), ein illustrer Haufen Intellektueller, die vor ein paar Jahren mit Protesten für den Rücktritt Hosni Mubaraks und gegen die Vorbereitung seines Sohns Gamal für das Amt des Staatsoberhaupts auf sich aufmerksam machten.
Einen Höhepunkt in „Chicago“ bildet der Staatsbesuch des ägyptischen Präsidenten, begleitet von einem missglückten Protest einiger arabischer Studenten. Der „Präsident der Republik“ heißt zwar an keiner Stelle Mubarak, eine gewisse Ähnlichkeit ist wohl dennoch nicht zufällig. Überhaupt sind al-Aswanis Romane voller politischer Inhalte. Ständig lässt er seine Charaktere diskutieren, sich streiten – allen voran Nâgi – und die Unterdrückung des ägyptischen Volkes bedauern, den alten Zeiten nachtrauern oder mit der Anpassung an in die amerikanische Gesellschaft hadern. Dennoch reagiert der Autor allergisch auf Fragen nach der politischen Botschaft seiner Bücher. Auch stört ihn die Interpretation, die Figurenkonstellationen im „Jakubijân-Bau“ repräsentierten einen Querschnitt durch die ägyptische Gesellschaft.
Kritik ist Landesverrat
„Ein chronisches Problem der Literatur ist, dass sie oft benutzt wird wie ein soziologisches Werkzeug.“ Wer dies tut, folgt, wie er sagt, einer „gefährlichen“ Logik. Es ist die Logik des westlichen Journalisten, der ihn einmal fragte, ob er mit seinen Romanen den Präsidenten stürzen wolle. Und es ist die Logik des arabischen Diktators, der in einem regimekritischen Schriftsteller sofort einen Landesverräter sieht. Der Schriftsteller sei kein Wissenschaftler, der ein akkurates Bild der Gesellschaft fabriziert, sagt al-Aswani und zündet sich eine weitere Zigarette an. „Literatur ist eine Kunst. Sie macht aus uns bessere Menschen“. Sein Traum sei es, dass man ihn als Literat mit universeller Botschaft wahrnehme, dass er zum Beispiel in einer Talkshow als der international angesehene Schriftsteller angekündigt werde, und nicht als Araber oder Ägypter. Mit seiner Literatur will er universelle Schicksale aufschreiben, die überall gelesen und verstanden werden. Dementsprechend will sich al-Aswani vermehrt mit Themen außerhalb der Grenzen seines Heimatlandes beschäftigen. Den Anfang macht er in Chicago: Dort widmet er sich ausgiebig und kritisch den, seiner Meinung nach, allgegenwärtigen rassistischen Spannungen zwischen Schwarzen und Weißen in den USA. Das Problem dabei oder besser die Ironie: Gerade weil er anscheinend einen engagierten und unverstellten Blick auf das moderne Ägypten zeigt, wird al-Aswani im Ausland einhellig geschätzt und ernst genommen. Ein herausragendes literarisches Talent wird ihm dagegen selten nachgesagt.
Der Grund dafür wird in den Kapiteln über beziehungsweise von Nâgi deutlich, denn sie sind in Tagebuchform verfasst. Der junge und angeblich talentierte Dichter hüllt seine Erlebnisse in der neuen Welt in Worthülsen und umständliche Prosa, die keine Details auslässt – auch nicht die banalen. Seine philosophischen Gedanken, das Liebesgeplänkel mit seiner neuen Freundin, der hübschen und blonden Wendy, die gemeinsamen heißen Nächte gehen dabei in einem Feuerwerk der Nichtigkeiten auf. Solch naiver Realismus hat durchaus Stärken. Wenn der Geheimdienstmann im Stillen über seine effektivsten Foltermethoden sinniert. Oder wenn Ahmed Danâna und seine ägyptische Braut ihren ersten Streit austragen, indem sie einander lautstark Koransuren und Prophetensprüche über das Eheleben an den Kopf werfen. Oft sind es die Erlebnisse und Gedanken seiner Landsleute, ganz normaler ägyptischer Durchschnittsbürger, die al-Aswani glaubhaft und liebevoll beschreibt und humorvoll bloßstellt.
(Foto: Daniel Gerlach)
Die Amerikaner geraten dagegen oft klischeehaft, ihr Verhalten oft nicht nachvollziehbar, die wohlmeinende Kritik am amerikanischen Rassismus allzu plump. Doch mit Anspruch und subtilen Analysen bewegt man nicht die Massen. Alaa al-Aswani schreibt so, dass jeder ihn versteht – auch diejenigen, die sonst lieber Seifenopern gucken, anstatt zu lesen. Sein liebstes Stilmittel hat er sich dann auch vom Fernsehen abgeschaut: den „Cliffhanger“. Kaum wird es spannend, dann wechselt der Schauplatz. Und über mehrere Kapitel hinweg wird der Leser mit so wichtigen Fragen allein gelassen wie: Fliegt Ahmad Danâna, der Geheimdienstspitzel, wegen Faulheit und Inkompetenz von der Universität? Und darf Târik der frommen Schaimâ endlich unter die Bluse? Die Auflösung folgt einige Kapitel später. Kein Wunder also, dass auf Grundlage des „Jakubijân-Baus“ ein extrem erfolgreicher Film und eine 34-teilige Serie entstanden sind. Und auch die Filmrechte an „Chicago“ sind bereits verkauft.
„Literatur macht aus uns bessere Menschen“
Nein, Alaa al-Aswani ist kein literarisches Genie. Aber er ist ein Autor, der den Zeitgeist trifft, die Sprache des Volkes spricht und hartnäckig an Tabus kratzt. Das macht er mit viel Humor, aber auch mit Mut. Denn zu offen seine Meinung zu sagen, ist im Land am Nil nicht ungefährlich. „Mir ist klar, dass die Regierung mich nicht besonders liebt“, sagt al-Aswani. Er rechne ständig damit festgenommen zu werden, fügt er hinzu, und klingt dabei nicht sehr besorgt. Eigentlich denke er darüber nicht nach, auch wenn er über Folter in ägyptischen Gefängnissen schreibt oder über einen saftigen Ehestreit und kitschige Liebesszenen. Nicht zuletzt dafür lieben ihn seine Landsleute. Das beruht auf Gegenseitigkeit: „Ich liebe mein Land. Ich glaube daran, dass Ägypten eine der großartigsten Zivilisationen der Erde ist und dass es eine richtige Demokratie verdient.“ Eine Aussage, die von Nâgi stammen könnte. Aber der Dichterling schimpft lieber, wenn jemand nicht seiner Meinung ist. Alaa al-Aswani hört zu, lächelt und erklärt.
Dieser Artikel wurde der zenith-Ausgabe 02/2008 mit dem Themenschwerpunkt MÄNNER entnommen.
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سبتمبر 12th, 2009 at 12 سبتمبر 2009 10:30 م
Tja, das Leben kann so scheisse sein, mann muss sich nur mühe geben.
سبتمبر 14th, 2009 at 14 سبتمبر 2009 10:55 م
An sich n cooler post, aber kannst beim nächsten mal n bisschen detailierter sein?